Als Geschäftsführer der Säntis Energie AG in Wattwil weiss Marc Zysset, welche Auswirkungen das neue St.Galler Energiegesetz auf Hauseigentümer hat. Im Gespräch berichtet er über die ersten Erfahrungen und gibt praktische Tipps.

Marc Zysset, seit Juli ist im Kanton St.Gallen das neue Energiegesetz in Kraft. Es will den Verbrauch an fossiler Energie und damit die CO2-Emissionen reduzieren und erneuerbare Energien fördern. Grundsätzlich eine gute Sache, oder?
Den zunehmenden Fokus auf Energieeffizienz und erneuerbare Energien begrüsse ich tat-sächlich sehr. Dass der Gesetzgeber techni-sche Lösungen definiert, finde ich hingegen überreguliert. Gesetze sollten Ziele und nicht technische Lösungen festlegen. Welche techni-sche Lösung ein Hausbesitzer umsetzt, sollte ihm überlassen werden.

Im Kanton St.Gallen trat das neue Energiegesetz per 1. Juli in Kraft. Was sind Ihre ersten Erkenntnisse?
Wir stellen fest, dass die baulichen Massnah-men, die das neue Energiegesetz nach sich zieht, zu einem erheblich höheren Investitions-bedarf führen. Das stellt für viele Hausbesitzer ein grosses Problem dar: Sie können oder wol-len nicht so viel Geld in ihr Haus stecken, um es energetisch zu optimieren. Dies betrifft vor al-lem ältere Hausbesitzer, die eine ältere Liegen-schaft besitzen, deren Zukunft ohnehin oft un-gewiss ist. Für diese Hausbesitzer machen grosse Investitionen verständlicherweise wenig Sinn.

Was genau meinen Sie, wenn Sie von älteren Liegenschaften sprechen?
Bei bestehenden Wohnbauten greift das Ener-giegesetz ab Baujahr 1991 und älter. Wer bei solch einem Haus die Heizung ersetzen will, muss zusätzliche Anforderungen erfüllen. Kon-kret müssen die betreffenden Hausbesitzer neu mindestens zehn Prozent der Heizenergie mit erneuerbarer Energie abdecken. Oder aber sie dämmen beispielsweise die Gebäudehülle und reduzieren so den Wärmebedarf entsprechend.

Verlangt das neue Energiegesetz eigent-lich, dass alle Hausbesitzer ihre fossile Heizung bis zu einem bestimmten Zeitpunkt ersetzen müssen?
Nein. Bestehende Heizungen können ohne wei-tere Auflagen in Betrieb bleiben. Haben sie ihre Lebensdauer erreicht, können sie allerdings nicht in jedem Fall eins zu eins ersetzt werden. Es gibt einiges, das Hausbesitzer und Heizungs-installateure beachten müssen. Allem voran müssen sie ihr Haus aus energetischer Sicht ganzheitlich betrachten.

Was meinen Sie damit?
Lassen Sie mich ein Beispiel machen. Nehmen wir ein 40-jähriges Haus. Es besitzt eine Hei-zung, die mit einer 20-Kilowatt-Leistung exakt auf dieses Haus ausgelegt ist. Jetzt ersetzt der Besitzer die Heizung. Ein Jahr später isoliert er das Haus komplett neu. Eigentlich müsste die Heizung jetzt nur noch eine Leistung von zehn Kilowatt haben. Mit anderen Worten: Die ein Jahr zuvor eingebaute Heizung ist überdimensi-oniert und entsprechend ineffizient. Deshalb ist es sinnvoll, ein Haus ganzheitlich zu betrachten und eine Sanierungsstrategie festzulegen. Die könnte im vorliegenden Fall so aussehen, dass zuerst die Aussendämmung umgesetzt und erst dann die neue Heizungsanlage installiert wird.

Welche Folgen hat das neue Energie-gesetz auf Neubauten?
Bei Neubauten muss der Energiebedarf für das Heizen im Vergleich zu bestehenden Bauten ei-ne deutliche Reduktion erfahren. Dadurch sind auch die Anforderungen an die Dämmung ge-stiegen. Ausserdem sind Liegenschaftsbesitzer neu dazu verpflichtet, einen Teil ihres Stroms selber zu erzeugen. Es wird demnach praktisch keine Neubauten mehr geben, die ohne Fotovol-taikanlage erstellt werden. Sofern ein Neubau an einer ausreichend besonnten Lage steht, ist das sicher eine sinnvolle Neuerung. Fotovoltaik ist heute eine ausgereifte, tolle Sache. Es gibt auch optisch durchaus ansprechende Fotovol-taikpaneele in ähnlichem Preisrahmen wie kon-ventionelle Dachziegel.

Fazit: Die ganze Thematik ist sowohl für Neu- als auch Bestandesbauten äusserst komplex.
In der Tat ist die Umsetzung des neuen Energie-gesetzes anspruchsvoll, und der Bedarf an Be-ratung ist entsprechend gestiegen. Deshalb hat die Säntis Energie AG ihr Angebot in diesem Be-reich stark ausgebaut. Wir beraten unsere Kun-den unter anderem im Hinblick auf bauphysika-lische Fragen rund um ihre Liegenschaft und zeigen ihnen die technischen Möglichkeiten be-treffend Heizungslösung im Detail auf. Um ihre Liegenschaft energetisch einordnen zu können, stellen wir den Kunden neu auch einen Ge-bäudeenergieausweis der Kantone (GEAK) aus.

Wozu ist er gut?
Der GEAK empfiehlt sich für Gebäude, die vor 1991 gebaut und bereits energetisch saniert wurden. Je nachdem, welchen Wert eine Lie-genschaft erreicht, gibt es beim Heizungsersatz keine behördlichen Auflagen, die den Einsatz von erneuerbaren Energien verlangen.

Abgesehen vom Ausbau des Beratungs-angebots, inwiefern hat die Säntis Energie AG sonst noch auf das neue Energie-gesetz reagiert?
Wir haben ein neues Biogas-Produkt eingeführt. Das revidierte Energiegesetz erlaubt nämlich ei-ne pragmatische Lösung mit Biogas: In Wohn-häusern, die vor 1991 gebaut wurden, können Gasheizungen eins zu eins ersetzt und ab die-sem Zeitpunkt mit 20 Prozent Biogas betrieben werden. Das hat den grossen Vorteil, dass der Heizungsersatz deutlich tiefere Investitions-kosten nach sich zieht als andere mögliche Hei-zungsarten. Die Mehrkosten einer Gasheizung mit 20 Prozent Biogas betragen für ein Ein-familienhaus jährlich rund 200 Franken. Diese Lösung ist für viele Hausbesitzer gut tragbar. St.Gallen gilt damit schweizweit bereits als Vor-zeigekanton.

Diese Lösung lässt Hausbesitzer mit einer Ölheizung aussen vor.
Theoretisch wäre gemäss Gesetz auch ein Be-trieb mit 20 % Bioheizöl möglich. Es gibt aber praktisch kein Angebot. Hausbesitzer, die bis-her eine Ölheizung hatten, können ebenfalls auf diese Lösung mit Biogas umsteigen, vorausge-setzt, es befindet sich ein Gasnetz in der Nähe ihrer Liegenschaft. Auf diese Weise reduzieren sie den bisherigen CO2-Ausstoss um rund 40 Prozent. Wir haben derzeit viele Anfragen in diese Richtung.

Welches Vorgehen empfehlen Sie einem Hausbesitzer konkret, der seine Öl- oder Gasheizung ersetzen will oder muss?
Bei bestehenden Bauten ist ein Heizungsersatz von sehr vielen technischen und persönlichen Faktoren abhängig. Als Erstes sollte der Haus-besitzer klären, ob er die Bausubstanz der Lie-genschaft ändert, indem er beispielsweise die Gebäudehülle dämmt oder die Fenster ersetzt. Zudem muss er sich damit auseinandersetzen, wie lange seine Liegenschaft noch betrieben werden soll. Es macht schliesslich wenig Sinn, beispielsweise in eine Erdsonde zu investieren, die eine Lebensdauer von 100 Jahren hat, wenn die Frage nach der Zukunft der Liegenschaft un-geklärt ist. Anschliessend gilt es, dasjenige Heizsystem zu eruieren, das der Hausbesitzer für sich und seine Liegenschaft als idealste Lö-sung betrachtet. Dabei spielen die technischen Möglichkeiten vor Ort, aber auch ökologische und wirtschaftliche Aspekte eine zentrale Rolle. Jeder Hausbesitzer muss diese Aspekte indivi-duell gewichten. Es gibt keine Patentrezepte.

Von welchen wirtschaftlichen Aspekten reden wir?
Es geht darum, die Investitions- und Betriebs-kosten der verschiedenen Heizungstechnolo-gien für deren gesamte Betriebsdauer mitein-ander zu vergleichen. Gleichzeitig müssen Hausbesitzer abschätzen, wie sich die Energie-preise, die gesetzlichen Abgaben und das Zins-umfeld in den nächsten Jahren entwickeln wer-den. Von diesen entscheidenden Fragen hängt es ab, welches Heizungssystem über die Be-triebsdauer für die betroffene Liegenschaft die tiefsten Kosten aufweist.

Eine schier unlösbare Aufgabe, vor allem für Personen, die wenig von der Materie verstehen.
Um unsere Kunden bei diesen Fragen zu unter-stützen, arbeiten wir gerade an einem Online- Vergleichsrechner. Der Rechner wird dem-nächst veröffentlicht. So viel vorab: Im Rechner können unsere Kunden selber Prognosen er-stellen, indem sie verschiedene individuell wählbare Faktoren eingeben. Zudem bieten wir allen Hausbesitzern an, offene Fragen im Rahmen einer Impulsberatung individuell mit unseren Fachleuten zu diskutieren. Nochmals: Jedes Haus, jeder Hauseigentümer ist einzigartig.

Bedeutet das neue Energiegesetz letztlich, dass Heizen vor allem eines wird: teurer?
Wird die Wärmebereitstellung immer mehr öko-logisiert, kostet das Geld, das ist sicher so. Auf dem Papier wird der Heizungsersatz mit der Ein-führung des neuen Energiegesetzes nur für Lie-genschaften mit Baujahr 1991 und älter teurer. Ob die Kosten effektiv auf das Portemonnaie drücken, hängt von der gewählten Heizungs-technologie ab, aber auch von der künftigen Preisentwicklung der verschiedenen Energie-träger und der gesetzlichen Abgaben. Wie sich diese Preise in den nächsten 15 bis 20 Jahren entwickeln, weiss heute niemand.

Welche Erfahrungen machen Sie mit dem installierenden Gewerbe?
Heizungsinstallateure werden mit immer mehr Bürokratie konfrontiert. Es gibt heute praktisch keine einfach bewillig baren Lösungen mehr. Während Hausbesitzer bei einer Wärmepumpe aufwendige Lärm- oder Systemmodul-Nach-weise erstellen müssen, ist bei Gasheizungen mit der Baueingabe neu zusätzlich noch eine Biogas-V ereinbarung einzureichen. Ölheizun-gen sind praktisch nicht mehr umsetzbar, denn die Investitionen für Standardlösungen mit Öl sind für viele Hausbesitzer zu hoch. All diese Bürokratie und die zunehmende Komplexität führen oft zu Diskussionen respektive zu Mehr-aufwand, der letztlich vom Kunden, sprich vom Hausbesitzer bezahlt werden muss.