Tages-Anzeiger, 29.07.21

Eine städtische Wohnstiftung kündigt Bewohnerinnen und Bewohnern. Diese sind empört. Die PWG sagt, Privilegien müsse man irgendwann abgeben.

Dass Ursula Trzoska einst ihre Wohnung gekündigt bekommt, hätte sie nicht für möglich gehalten.

«Ohne mich hätte die PWG das Haus an der Birmensdorferstrasse 58 nicht kaufen können», sagt die 72-Jährige mit der Resolutheit einer früheren Beizerin. Und jetzt wolle man ausgerechnet sie aus diesem Haus entfernen.

Hinter Trzoskas Aufregung steht die Frage: Wie lange darf man eine Wohnung der Stiftung für preisgünstigen Wohn- und Gewerberaum – kurz PWG – behalten? Bis ans Lebensende? Oder läuft das Glück irgendwann ab?

Ursula Trzoska sitzt in einer Küche an der Bertastrasse 4, einem anderen PWG-Haus. Die vier weiteren Anwesenden nicken grimmig. Auf den Knien lasten Ordner voller Sitzungsprotokolle und Protestschreiben. Alle sind Mieterinnen bei der PWG und fühlen sich ungerecht behandelt.

Das liegt am politischen Auftrag der PWG: möglichst viele Häuser zu kaufen, damit die Bewohnerinnen und Bewohner dort zu den bisherigen Mieten bleiben können.

Aus Sicht der fünf Mieter führt sich die PWG in drei Fällen aber beinahe auf wie eine gewöhnliche Immobilieninvestorin: Sie kündige Häuser leer, um diese zu sanieren – aufwendig und ohne die Wünsche der Mieterinnen zu berücksichtigen. Danach schreibe die PWG die Wohnungen zu deutlich höheren Preisen aus.

Zwei Häuser haben diese Prozedur gerade hinter sich, die Schreinerstrasse 42 und die Bertastrasse 4. Einem steht sie bald bevor, der Birmensdorferstrasse 58 (kurz «Birmi 58»). Ursula Trzoska und die anderen Mieterinnen und Mieter haben letzten Oktober die Ankündigung erhalten, dass die PWG ihren Mietvertrag in drei Jahren auflösen werde. Eine «umfassende Erneuerung» sei nötig.

Das gleiche Schreiben bekamen vor vier Jahren die Mieter der Bertastrasse 4. Sie wehrten sich gemeinsam, wandten sich an den Mieterverband und an Politikerinnen. Unter dem Druck zog die PWG die Kündigungsandrohung zurück. Die Mieter mussten ihre Wohnung vor dem Umbau wie geplant verlassen, konnten aber nach elf Monaten zurückkehren.

Zufrieden sind einige trotzdem nicht. Sie halten das Haus für übersaniert. Besonders die Grundrissveränderung von drei auf zweieinhalb Zimmer stört sie. Durch diese würden WGs und Kleinfamilien ausgeschlossen. Jetzt richteten sich die Wohnungen an Single-Haushalte und Paare, was sozialpolitisch fragwürdig sei. Den angekündigten Zuschlag von 300 bis 350 Franken (was ungefähr 30 Prozent der bisherigen Miete entspreche) könnten sich zwei von neun Parteien nicht mehr leisten.

In einer der Wohnungen lebt die Enkelin des früheren Hausmitbesitzers. Dieser hat es 2002 an die PWG abgetreten – für 1,7 Millionen Franken, was damals schon günstig war. «Meinem Grossvater war es sehr wichtig, dass seine Mieter bleiben können», sagt Eva Ermatinger. «Dieser Umbau wäre nicht in seinem Sinn gewesen.»

Zu grosse Wohnungen

Auch an der Birmi 58 widerspreche das Vorgehen der PWG dem Willen des Verkäufers, sagt Ursula Trzoska. Zwischen 1990 und 2004 betrieb sie das Restaurant Hermannseck, das sich im Erdgeschoss befindet. 1991 bezog sie eine Wohnung im Haus. Anfang Nullerjahre habe der Eigentümer einen Käufer gesucht, dabei habe er für seine Mieterinnen und Mieter sorgen wollen. Trzoska vermittelte den Kontakt zur PWG. Sie kannte deren Vertreter, weil diese oft im Hermannseck assen.

«Ich habe der PWG dieses Haus ermöglicht», sagt Trzoska. Beteiligte von damals bestätigen dies.

An der Birmi 58 kommt eine weitere Schwierigkeit hinzu. Einige Mieterinnen leben in Wohnungen, die gemäss den Vorschriften der PWG zu gross sind für sie – etwa wie Trzoska zu zweit in einer Vierzimmerwohnung. Das war schon vor dem Verkauf so, soll nach der Sanierung aber nicht mehr drinliegen. «Dabei hat die Stiftung uns einst zugesichert, dass sie die bestehenden Verträge fortführt.»

Das Vorgehen der PWG enttäuscht Trzoska, wie alle anderen am Küchentisch. «Wir wollen Mitsprache statt Leerkündigungen. Das war einmal der Geist der PWG.»

Auch langjährige Involvierte sprechen von einem «neuen Groove», der bei der PWG eingezogen sei. Früher habe die Stiftung aus Prinzip nicht gekündigt und nur zurückhaltend erneuert. Heute herrsche eher die klassische Schweizer Mentalität: Alles muss perfekt sein.

Ein Seufzer ertönt am Telefon, als PWG-Sprecher Kornel Ringli die Vorwürfe hört. «Leerkündigungen machen wir sehr ungern und selten. Aber manchmal ist die Sanierung so aufwendig, dass sie nur in unbewohntem Zustand funktioniert.»

Die PWG kümmere sich mit viel Einsatz um die betroffenen Mieter, sagt Ringli. «Nach der frühzeitigen Ankündigung erhalten sie einen bevorzugten Zugriff auf frei werdende PWG-Wohnungen.» Die Gekündigten hätten ausserdem das Recht, nach der Renovation in ihre alten Wohnungen zurückzukehren.

Es gibt drei Einschränkungen: Die Ersatzwohnungen befinden sich oft in einem anderen Quartier. Beim Wiederbezug gelten die PWG-Belegungsvorschriften. Und die Mieten liegen wegen der Sanierung höher. «Aber wer möchte, kann bei der PWG bleiben», sagt Ringli.

Er verstehe, dass ein Wohnungswechsel nach Jahrzehnten schwerfalle, sagt Ringli. Gleichzeitig sei es die Pflicht der PWG, ihre Liegenschaften langfristig zu erhalten. «Jedes Haus hat ein Verfallsdatum. Irgendwann müssen wir die alten Leitungen ersetzen.» Daher könne auch die PWG kein ewiges Bleiberecht garantieren. Früher habe die PWG eher weniger erneuert, weil es in vielen Fällen noch nicht nötig war. «Aber diese Arbeiten lassen sich nicht ewig aufschieben.»

Der Vorwurf, die PWG würde Luxussanierungen machen, falle immer wieder, sagt Ringli. «Das macht ihn nicht wahrer. Wir erneuern, was nötig ist. Mehr nicht.»

Hinter den aktuellen Mieterprotesten stehe oft eine starke Anspruchshaltung. «Gewisse Leute finden, ihnen stehe eine Wohnung für immer zu.» Das sei aber nicht selbstverständlich, sagt Kornel Ringli. «Günstiger Wohnraum ist rar. Wir müssen haushälterisch damit umgehen.»

Die enttäuschten Mieter wiederum befürchten, dass sich die PWG mit den Leerkündigungen selber schade. Das Bleiberecht bilde ihren zentralen Vorteil auf dem Immobilienmarkt. Viele Eigentümerinnen würden deswegen ihr Haus günstiger an die PWG verkaufen. «Mit den Kündigungen fällt dieses Versprechen.» Unredlich finden sie, dass die PWG damit wirbt.

Kornel Ringli widerspricht. «Unseren Verkäufern ist klar, dass wir die Häuser erhalten müssen. Das kommunizieren wir auch so.» Ausserdem liefere die PWG keine Mietenden dem freien Wohnungsmarkt aus. «Daher gilt das Versprechen.»

Die Frage bleibt: Soll die PWG das Bleiberecht stärker gewichten oder eine einheitliche Bewirtschaftung? Laut AL-Gemeinderat und Mieterverbandssprecher Walter Angst wäre es sinnvoll, wenn der Gemeinderat als Eigentümer der PWG solche Grundsätze klären würde.

Ursula Trzoska schliesst es aus, in eine kleinere PWG-Wohnung in einem anderen Quartier zu wechseln. «Entweder bleibe ich in der Birmi. Oder ich suche mir etwas ganz anderes.»