Neue Zürcher-Zeitung, 27.10.21

Braucht es Vorschriften für den Ersatz traditioneller Heizungen? Kathy Steiner von Casafair findet ja, Hans Egloff vom Hauseigentümerverband ist vehement dagegen, wie sie im Gespräch mit Stefan Hotz und Zeno Geisseler darlegen

Herr Egloff, wie wohnen Sie, und wie wird bei Ihnen geheizt?

Hans Egloff: Ich besitze in Aesch ein Einfamilienhaus aus den 1970er Jahren. Ich heize mit Öl, dies bereitet mir Probleme.

Warum?

Egloff: Wenn das revidierte Energiegesetz auf mich angewandt würde, wäre der Einbau einer neuen Ölheizung ausgeschlossen. Eine Gesamtsanierung würde notwendig. Zwei Architekten rieten mir sogar zu einem Ersatzneubau. Fassade, Fenster und Dach sind ein Thema, es wird mir auch zur Umstellung auf Bodenheizung geraten. Ehrlicherweise muss ich aber sagen, dass ich mich damit sowieso befassen muss, unabhängig davon, ob das Energiegesetz angenommen wird.

Wie sieht es bei Ihnen aus, Frau Steiner?

Kathy Steiner: Wir mieten ein Einfamilienhaus in Zürich. Es ist über 100 Jahre alt und schlecht gedämmt. Es hatte bis vor zwei Jahren eine Ölheizung, sie kam ans Ende der Lebensdauer. Die Hausbesitzerin stellte sich die Frage, wie eine gescheite Lösung aussehen könnte. Sie überlegte etwa, mit Holz zu heizen. Sie wechselte dann aber übergangsweise auf eine Gasheizung, bis unser Quartier an das Fernwärmenetz angeschlossen wird.

Egloff: Hat man nur die Heizung ersetzt oder noch mehr gemacht?

Steiner: Vorerst wurde nur die Heizung ersetzt. Als Nächstes steht die Isolierung des Dachs an.

Egloff: Vergleicht man beide Situationen, gibt es völlig verschiedene Optionen. Bei Ihnen war es Gas, Fernwärme oder wieder eine Ölheizung. Diese Auswahl habe ich in Aesch nicht. Da gibt es weder Fernwärme noch ein Gasnetz. Nur erneut eine Ölheizung oder eine Wärmepumpe.

Steiner: Der Unterschied ist die Siedlungsdichte. Bei uns in Zürich kam eine Wärmepumpe nicht infrage, bei Ihnen in Aesch schon. Die Verhältnisse in Stadt und Land sind eben nicht gleich.

Egloff: Die Besitzerin Ihres Hauses überlegte eigenverantwortlich, was zu tun ist, auch ganz ohne staatlichen Zwang und ohne neues Energiegesetz.

Steiner: Ja, aber dieses Gesetz richtet sich auch nicht an jene, die eigenverantwortlich handeln und erkennen, dass es gute, nachhaltige Lösungen gibt. Es richtet sich an jene, die immer noch einen Ersatz mit einer fossilen Heizung vornehmen, ohne sich beraten zu lassen.

Egloff: Das heisst, jeder, der eine Ölheizung einbaut, hat nichts überlegt?

Steiner: Ich beziehe mich auf eine Umfrage der Stadt Zürich. Ein Resultat war, dass viele annahmen, wenn sie die Heizung ersetzten, müssten sie auch eine Gesamtsanierung vornehmen. Aber das trifft nicht zu. Andere antworteten, sie hätten sich die Frage gar nicht gestellt, sondern den Heizungsmonteur gefragt. Eigenverantwortung heisst, zu erkennen, dass es andere technische Lösungen gibt, die auch gut und tragbar sind.

Aber braucht es dazu wirklich neue staatliche Regeln? Die Studie zeigte ja, dass viele Hausbesitzer einfach schlecht informiert sind. Kann man das nicht lösen, indem man den Leuten die Optionen besser darlegt?

Steiner: Ich studierte in den 1990er Jahren Umweltnaturwissenschaften. Damals sprach man von den toten Seen, von Phosphat und Nitrat, und es war allen klar, dass es so nicht weitergehen konnte. Jetzt wissen wir, dass fossile Heizungen schädlich für das Klima sind. Was spricht da noch dafür, trotzdem wieder eine einzubauen? Eine Heizung, die heute installiert wird, läuft 20 Jahre. Was spricht dagegen, zu sagen, dass das nicht mehr gewollt ist?

Viele Hauseigentümer sehen das ein.

Steiner: Aber nicht alle. Dabei spricht wirklich nichts dafür, an fossilen Heizungen festzuhalten, nur schon angesichts der heutigen Energiepreise. Der HEV hat gute Berater, die das genau gleich beurteilen, aber zwischen diesen Beratern und der Verbandsspitze gibt es offensichtlich eine Diskrepanz.

Egloff: Sie suggerieren, dass wir uns gegen alle Neuerungen wehren. In den letzten Jahren ist keine Zeitung des HEV ohne Beitrag zum Thema Energie erschienen. Aber Statistiken des Bundes zeigen: Der Gebäudepark ist auf Kurs. Wir werden in diesem Bereich bis 2050 auf netto null sein. Die Hauseigentümer machen das eigenverantwortlich, ganz ohne Energiegesetz.

Trotzdem folgt auf mehr als die Hälfte aller Heizungen wieder eine Anlage für fossile Energie. Das sind doch zu viele.

Egloff: Das ist wie mit dem halbvollen Glas. Immerhin gegen die Hälfte der Heizungen wird durch eine nachhaltige Lösung ersetzt.

Bei den Mehrfamilienhäusern kommt es noch in 70 Prozent der Fälle zu einem Ersatz mit einer fossilen Heizung.

Egloff: Anders als bei Einfamilienhäusern können Sie da nicht einfach frei verfügen, weil die Mietverhältnisse eine Rolle spielen. Investitionen betreffen auch die Mieterschaft. Da müssen Sie bei energetischen Sanierungen sehr vorsichtig vorgehen, weil sonst bald einmal die vertraglichen Verpflichtungen nicht mehr eingehalten werden. Die Alternative ist, dass man leer kündigen muss, weil eine Totalsanierung nötig ist.

Steiner: Leerkündigungen haben mit dem Energiegesetz direkt nichts zu tun. Gesamtsanierungen gehen über den reinen Heizungsersatz hinaus. Ein Heizungsersatz allein führt nicht zu Leerkündigungen. Es gibt auch Leerkündigungen, die finanziell getrieben sind.

Egloff: Die renditegetriebenen Leerkündigungen haben mit dem Energiegesetz überhaupt nichts zu tun.

Der Mieterverband hat weder ein Ja noch ein Nein empfohlen. Warum?

Steiner: Das heisst, dass der Verband im Gegensatz zum HEV in dieser Vorlage keinen Nachteil für die Mieterschaft sieht. Er hat das genau angeschaut. Wenn die Erhöhung der Energiepreise so weitergeht wie heute, muss man sich als Mieterin und Mieter ja sowieso fragen, was die Folgen für die Nebenkosten in fossil beheizten Liegenschaften sind. So gesehen, hätte der Mieterverband auch eine Ja-Empfehlung herausgeben können.

Egloff: Das sehe ich anders. Die Frage zerreisst den Mieterverband fast. Er verzichtet auf eine Parole, weil er erkannte, dass sich das Gesetz auch für die Mieter nachteilig auswirken kann. Wie anders ist der Umstand zu erklären, dass in Bern mehrere Vorstösse, unter anderem vom Präsidenten des Mieterverbandes Schweiz, eingereicht worden sind, mit denen der Mieterschutz bei energetischen Sanierungen sichergestellt werden soll?

Steiner: Der Mieterverband nutzt den Abstimmungskampf, um die Leerkündigungen, die in der Stadt Zürich ein grosses Thema sind, aufs Tapet zu bringen. Er hat das geschickt gemacht. Jetzt sprechen alle vom Problem der Leerkündigungen …

Egloff: … was uns hilft, weil es ein Eingeständnis ist, dass es wegen des Energiegesetzes zu mehr Problemen kommt.

Steiner: Oft sind Leerkündigungen nur ein Vorwand. Deshalb sind wir der Meinung, dass es bei einem Baugesuch eine Begründung braucht, wenn es Leerkündigungen gibt. Energetische Sanierungen werden oft nur als Deckmäntelchen gebraucht, um die Leute auf die Strasse zu stellen.

Egloff: Wir akzeptieren die Vorschriften für Gebäude, die in allen anderen Kantonen auch umgesetzt wurden. Aber dann kamen Regierungs- und Kantonsrat und packten ein «Zürich-Finish» drauf. Nur deshalb ergriffen wir das Referendum. Wenn man auf diesen Zusatz verzichtet hätte, würden wir heute nicht hier sitzen.

Steiner: Zürich ist spät dran. Das sogenannte Zürich-Finish nimmt vielleicht bloss vorweg, was in anderen Kantonen auch folgt. Die Klimakrise geht weiter.

Der Klimawissenschafter Thomas Stocker sagt, die Schweiz habe beim Klimaschutz einige Probleme, aber im Gebäudebereich sei sie auf Kurs. Warum soll man genau dort strenger werden, wo es bereits gut läuft?

Steiner: In der Klimakrise muss man tun, was machbar ist. Ich komme auf meine Frage zurück, Herr Egloff: Wieso soll ein Ersatz durch fossile Heizungen beibehalten werden, wenn es nachhaltige Lösungen gibt, die technisch möglich und wirtschaftlich tragbar sind? In etwa zehn Prozent der Fälle ist eine nachhaltige Heizung nicht machbar, dafür bietet das Gesetz einen Weg. Und wir haben die Härtefallregelung eingebaut. Ein Zwang wäre das Energiegesetz nur, wenn es gar keinen Spielraum mehr liesse.

Egloff: Was Sie ins Gesetz schrieben, ist völlig überflüssig. Wo es technisch möglich und wirtschaftlich sinnvoll ist, da werden die Hauseigentümer von sich aus tätig.

Steiner: Aber wieso beharren Sie so darauf, dass fossile Heizungen dennoch möglich bleiben sollen?

Egloff: Weil es sonst Beamte braucht, die dann überprüfen, was technisch alles möglich ist und was nicht.

Steiner: Der Baudirektor Martin Neukom will jetzt ja das Bewilligungsverfahren für Wärmepumpen vereinfachen.

Egloff: Er will damit einfach das Energiegesetz retten. Er hätte das Bewilligungsverfahren ja schon längst auch so vereinfachen können.

Andere Kantone sind auch über den Standard hinausgegangen, Basel-Stadt und Freiburg etwa. Und da ist der Heizungsersatz durch fossile Anlagen rasch und deutlich zurückgegangen.

Egloff: Wenn Sie die Rahmenbedingungen verbessern, dann passiert das auch. Dazu braucht es keinen staatlichen Zwang.

Steiner: Warum beharren Sie darauf, dass ein fossiler Ersatz möglich bleibt, auch wenn eine nachhaltige Lösung technisch und wirtschaftlich möglich ist? Auf dieser Frage möchte ich eine Antwort.

Egloff: Weil ich niemand anderen brauche, der für mich die Finanzierung berechnet und kontrolliert und dreinredet.

Steiner: Das Energiegesetz besagt nicht, man müsse die Heizung vorzeitig ersetzen, sondern es greift erst nach dem Ende ihrer Lebensdauer. Wenn es so weit ist, muss man sich fragen, was wirtschaftlich tragbar ist. Es ist die Aufgabe der Beratung, die beste Lösung zu finden.

Welches ist die grössere Hürde: die höheren Investitionskosten für eine Wärmepumpe oder das Bewilligungsverfahren?

Steiner: Beides. Oft ist es für Einzelne schwierig zu sehen, wo sie ansetzen müssen. Der Einstieg in eine Sanierungsplanung und den richtigen Weg zu finden, ist oft nicht einfach.

Egloff: Das hält eben Eigentümer oft davon ab, es in Angriff zu nehmen.

Steiner: Es ist auch die Aufgabe der Verbände, Hürden zu senken. Ich bin froh, wenn das Bewilligungsverfahren vereinfacht wird. Der Kanton Zürich ist auf gutem Weg. Man tut nicht so, als gäbe es keine Probleme, deshalb gibt es die Härtefallregelung. Das Gesetz beachtet Sozialverträglichkeit und Wirtschaftlichkeit.

Egloff: Ein Gesetz, bei dem man schon während der Beratung von Härtefällen spricht, kann nicht sozialverträglich sein! Man macht Hauseigentümer zu Härtefällen. Fehlt nur noch, dass man von Sozialfällen spricht.

Steiner: Vielleicht wäre das Wort Ausnahmeregelung besser gewählt. Von einem Sozialfall zu sprechen, ist aber an den Haaren herbeigezogen und polemisch. Ein Härtefall liegt vor, wenn jemand die Hypothek für einen Heizungsersatz nicht erhöhen kann. Dann ist wieder der Einbau einer fossilen Heizung möglich. Das war uns wichtig. Wir wissen, dass es für einige Leute schwierig sein kann, eine Hypothek zu erhalten.

Egloff: Man spricht jetzt von Leuten auf dem Papier. Ich kenne reale Fälle. Es geht meist um ältere Menschen, die den Heizungsersatz nicht mehr finanzieren können, ausser sie werden zum Bittsteller beim Staat. Das kann auch dazu führen, dass sie ihr Haus früher weitergeben oder verkaufen müssen.

Steiner: Es gab in anderen Kantonen mit ähnlichen Bestimmungen, wie sie jetzt für Zürich vorgeschlagen sind, kein einziges Beispiel dafür. Aber wir wissen, dass nicht alle einfach liquid sind und Hypotheken, wenn die Tragbarkeit nicht mehr gegeben ist, kaum erhältlich sind. Genau deshalb lässt das Gesetz Ausnahmen zu.

Aber abgesehen von diesen wenigen Ausnahmen bleibt es dabei: Letztlich bestimmt der Staat, oder nicht?

Steiner: Unsere Haltung ist, überall da, wo es möglich ist, soll man eine nachhaltige Lösung wählen.

Egloff: Es ist ein Technologieverbot.

Steiner: Es geht um eine veraltete Technologie, die schädlich ist.

Egloff: Diese veraltete Technologie hat sich aber stark entwickelt, eine Ölheizung vor 30 Jahren ist nicht mehr mit einer heutigen Anlage zu vergleichen.

Steiner: Das stimmt, zum Glück. Aber den CO2-Ausstoss, den wir verringern müssen, bringt man so nicht weg. Es geht darum, schädliche Auswirkungen zu vermeiden, ohne Komforteinbusse. Wieso soll man diesen Fortschritt aufhalten?

Derzeit steigen die Energiepreise stark: Geht es abgesehen vom Klimaschutz nicht auch darum, unsere Abhängigkeit vom Gas aus Russland oder vom Erdöl aus dem arabischen Raum zu reduzieren?

Egloff: Und um die Abhängigkeit vom Strom zu erhöhen, den wir auch teilweise importieren, noch mehr, wenn wir dann die Kernkraftwerke abschalten.

Könnten wir nicht die Stromproduktion im Inland steigern?

Egloff: Trotzdem wird es zu einer Stromlücke kommen. Man kann doch nicht eine Strategie propagieren, die zu mehr Stromverbrauch führt, ohne zu sagen, woher genau dann der zusätzliche Strom kommen soll.

Es kann so weit kommen, dass die Schweiz Gaskraftwerke bauen muss. In diesem Fall, Frau Steiner, liefen die Zürcher Wärmepumpen auch nicht klimaneutral.

Steiner: Umso wichtiger ist die Eigenstromproduktion, die man für Neubauten in das Energiegesetz aufgenommen hat. Das Potenzial auf den Dächern ist gross. Es ist wichtig, dezentral und lokal Strom zu produzieren.

Aber reicht das?

Steiner: Wichtig ist doch, dass man jetzt das macht, was möglich ist, statt zu fragen, ob es nicht in fünf Jahren noch bessere Lösungen gäbe.

Was denken Sie: Wie wird die Abstimmung ausgehen?

Egloff: Das Nein zum nationalen CO2-Gesetz im Juni ist noch in den Köpfen, und jetzt kommt man mit einer ähnlichen kantonalen Vorlage wieder. Das ist eine Zwängerei. Ich denke, da neigen die Leute dazu, Nein zu sagen.

National wurde das CO2-Gesetz zwar abgelehnt, der Kanton Zürich stimmte allerdings zu.

Egloff: Jetzt sind die Folgen für die Wohnbevölkerung, ob für Eigentümer oder Mieter, noch gravierender als beim CO2-Gesetz. Ich kann mir vorstellen, dass dies zu einem Umschwung im Kanton Zürich führt.

Steiner: Für das CO2-Gesetz stimmten im Kanton Zürich über 55 Prozent. Wir sahen in diesem Sommer deutliche Auswirkungen des Klimawandels. In der Bevölkerung ist die Bereitschaft dazu da, das, was machbar ist, in die Realität umzusetzen. Ich bin deshalb zuversichtlich, dass das Gesetz angenommen wird.