NZZ. 21.10.21

China setzt voll auf Kohle, die EU-Staaten subventionieren die Gasbezüge ihrer Bürger mit Milliarden. Der kleine Kanton Zürich aber will mit einem Verbot fossiler Heizungen das Klima schützen. Diese Rechnung geht nicht auf.

Die Schweiz ist ein Zwerg. Würde die Eidgenossenschaft zu einer einzigen Stadt fusionieren, würde sie es knapp in die Top 50 der grössten Metropolen der Welt schaffen. Allein in China gibt es sieben Städte, die mehr Einwohner zählen als die ganze Schweiz, in Indien sind es sechs, in den USA und Japan sind es je drei.

Auf dieser globalen Skala ist der Kanton Zürich mit seinen 1,5 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern erst recht ein Winzling. Wäre der Kanton eine einzige Stadt, würde er in Europa bloss knapp unter die Top 20 kommen.

Die Schweiz als Kleinstaat, das ist ein Punkt, der in Klimadiskussionen immer wieder eingebracht wird, so auch bei der Abstimmung zum dann abgelehnten nationalen CO2-Gesetz im letzten Juni. Die Schweiz stösst direkt nur rund 0,1 Prozent der globalen Treibhausgase aus. Im Kanton Zürich lebt etwa ein Fünftel der Schweizer Bevölkerung, auf ihn entfallen demnach grob geschätzt 0,02 Prozent des weltweit produzierten Kohlendioxids.

Im Land der tausend Kohlekraftwerke

Dies sind winzige Anteile, die in den grossen globalen Veränderungen
im Rundungsbereich untergehen. Zum Vergleich: Allein China hat 2019 220 Millionen Tonnen mehr CO2 in die Atmosphäre geblasen als im Jahr davor – das ist mehr als das Fünffache des gesamten Schweizer Ausstosses. Als Zuwachs. In einem einzigen Jahr.

In den letzten 21 Jahren hat China seine Kohlekapazität jährlich um 36 Gigawatt erhöht, dies entspricht Jahr für Jahr mehr als dem Eineinhalbfachen der gesamten in der Schweiz installierten Stromproduktion. Im dem Land stehen über 1000 Kohlekraftwerke,
die dennoch nirgends hinreichen. Es kommt immer wieder zu Stromausfällen.

Reiche westliche Länder wie die Schweiz sind an dieser Entwicklung indirekt mitschuldig, weil sie viele Produkte kaufen, die in China produziert werden. Sie exportieren somit einen Teil ihres CO2-Ausstosses nach Fernost.

Selbst der Grüne Kretschmann setzt auf Kohle

Der Blick muss allerdings gar nicht bis nach China schweifen. Selbst in Deutschland, das sich so gerne als innovatives Öko-Musterland anpreist, ist die Kohle alles andere als tot. Noch 2020 wurde im Ruhrgebiet ein neues Steinkohlekraftwerk ans Netz gehängt. Dessen Hauptkundin ist die Deutsche Bahn. Die DB fährt im 21. Jahrhundert noch immer mit dem Stoff, der einst die Dampfloks der Reichsbahn antrieb.

Auch in Baden-Württemberg, dort ist immerhin seit zehn Jahren der Grüne Winfried Kretschmann Ministerpräsident, hat König Kohle noch lange nicht abgedankt: 20 Prozent des Stroms stammen nach wie vor aus Kohlekraftwerken, und zwar aus staatseigenen.

In diesem globalen Umfeld bewegen sich die Schweiz und der Kanton Zürich. Dies ist keine Entschuldigung, um einfach weiterzumachen wie bis jetzt. Der Klimawandel ist ein globales Problem, und auch kleine Nationen sind gefordert, ihren Beitrag zu leisten. Doch Bürger und Politik müssen sich schon fragen, wie weit Eingriffe und Massnahmen hierzulande gehen sollen, wenn die Wirkung letztlich doch vor allem eine symbolische ist. Zürich wird die Welt nicht retten.

Der Kanton der 120 000 fossilen Heizungen

Ende November stimmt der Kanton Zürich über einen solchen Eingriff ab: die Änderung des Energiegesetzes. Ein Kernpunkt ist der Heizungsersatz. Der Regierungsrat geht davon aus, dass es etwa 120 000 Öl- und Gasheizungen im ganzen Kanton gibt, diese seien für rund 40 Prozent der kantonalen CO2-Emissionen verantwortlich. Bisherige Erfahrungen zeigten, dass mehr als die Hälfte dieser Heizungen am Ende ihrer Lebensdauer wieder durch fossile Systeme ersetzt würden.

Der Kanton will nun vorschreiben, dass anstelle der Öl- und Gasheizungen klimaneutrale Heizungen eingebaut werden – namentlich Wärmepumpen. Es gibt Ausnahmeregelungen, etwa für Härtefälle, zudem will der Kanton den Heizungswechsel mit höheren finanziellen Beiträgen unterstützen.

Gegen das Gesetz hat der Hauseigentümerverband das Referendum ergriffen, unterstützt von der SVP. Die Gegner sprechen von einer teuren Zürcher Sonderlösung, von untauglichen Massnahmen und zu viel Bürokratie. Hauseigentümer und Mieter würden über Gebühr belastet.

CO2-Ausstoss sinkt seit Jahren

Es ist unbestritten, dass es grundsätzlich eine gute Idee ist, einen alten Ölbrenner gegen eine moderne Wärmepumpe zu ersetzen. Die Wärmepumpen sind im modernen Hausbau längst Stand der Technik, sie sind sicher, sauber und unterhaltsarm.

Doch warum es ausgerechnet jetzt einen Zwang für solche Ökoheizungen brauchen sollte, wird nicht wirklich klar. Als der Zürcher Regierungsrat vor vier Jahren seinen kantonalen Energieplanungsbericht vorstellte, sah er bei den Heizungen nämlich noch gar keinen Handlungsbedarf.

«Wärme für Gebäude wird seit rund 15 Jahren mit stetig abnehmendem CO2-Ausstoss bereitgestellt. Weil Erdgas und erneuerbare Energien vor allem anstelle von Heizöl zum Einsatz kommen, reduziert sich der CO2-Ausstoss stärker als der Endenergiebedarf der Gebäude», schrieb die Regierung damals. Insgesamt liege der kantonale CO2-Ausstoss pro Kopf auf dem Pfad zum Zielwert, der im Energiegesetz festgeschrieben sei.

Thomas Stocker, der bekannte Klima- und Umweltphysiker, hat im letzten Mai im Vorfeld der CO2-Gesetz-Abstimmung in einem Gastbeitrag in der NZZ das Verhalten der Schweiz zum Klimaschutz stark kritisiert. Das Land sei im Schneckentempo unterwegs, schrieb er, und ein grosser Teil des Schweizer Ausstosses falle im Ausland an.

In einem Punkt aber sprach Stocker ein Lob aus: «Zum Klartext gehört (. . .) die Feststellung, dass wir in einigen Sektoren, zum Beispiel bei der Gebäudeheizung (. . .), eine deutliche Reduktion unserer CO2-Emissionen erreicht haben und auf Kurs sind.»

Wer rechnet, baut eine Wärmepumpe ein

Gut unterwegs ist der Kanton Zürich bei den Heizungen aufgrund der Eigeninitiative und Selbstverantwortung der Hausbesitzer. Dabei handelt es sich längst nicht nur um in der Wolle gefärbte Umweltbewegte, sondern schlicht um Leute, die rechnen können. Neue Heizsysteme wie Wärmepumpen sind zwar teurer in der Anschaffung, aber günstiger im Betrieb.

Die Kosten sind zudem berechenbarer, weil Wärmepumpen mit Strom betrieben werden und der Strompreis in der Schweiz politisch gewollt eher geringen Schwankungen ausgesetzt ist – dies im Gegensatz zum Heizöl, das allein seit Anfang Jahr um über 40 Prozent teurer geworden ist.

Natürlich spielen auch Fördergelder beim Heizungswechsel eine Rolle, allerdings eine vergleichsweise kleine. Vier von fünf Erstellern einer Wärmepumpe oder Solaranlage gaben in einer Stadtzürcher Studie von 2017 an, dass sie die Anlage auch ganz ohne staatliche Subventionen gebaut hätten.

Diese Aussage hat natürlich nicht das Gewicht einer wissenschaftlichen Doppelblindstudie. Es gab ja keine Kontrollgruppe, der die Fördergelder verweigert wurde. Dennoch scheint es relativ grosse Mitnahmeeffekte zu geben, die Fördergelder werden also nicht unbedingt effizient eingesetzt.

In der EU gibt es auch Fördergelder – aber nicht nur für saubere Energien, sondern auch für Erdgas: Weil die Preise in den letzten Monaten so stark gestiegen sind, wollen diverse EU-Länder ihren Bürgern diesen Winter Milliarden ausschütten, damit sie ihre Energierechnungen bezahlen können. Allein die Niederlande haben dafür rund 3 Milliarden Euro bereitgestellt.

Eine Versorgungslücke droht

Aber zurück nach Zürich: Warum kauft immer noch gut die Hälfte der Hausbesitzer wieder eine fossile Heizung? Gemäss der städtischen Studie sind viele von ihnen falsch informiert. Sie gehen etwa davon aus, dass eine Wärmepumpe nur sinnvoll sei, wenn gleich die ganze Hausfassade teuer gedämmt werde. Andere hatten sich gar nicht erst mit Alternativen auseinandergesetzt, sondern verlangten aus Bequemlichkeit einen Ersatz jenes Systems, das bei ihnen schon im Keller steht. Hier gibt es also Kommunikationsbedarf.

Nicht zuletzt ist der administrative Aufwand bei einer Wärmepumpe beachtlich, weil es ohne Baubewilligung nicht geht. Der Kanton hat dies erkannt und will unabhängig von der Abstimmung zum Energiegesetz die Bewilligung für den Einbau von Wärmepumpen durch ein Meldeverfahren ersetzen, wie man es bei Solaranlagen kennt. Die Vernehmlassung läuft derzeit.

Erklären, unterstützen, Bürokratie abbauen: Dies alles sind gute und willkommene Ansätze, um den Anteil umweltfreundlicher Heizungen im Kanton Zürich zu vergrössern. Die hohen Preise für Öl und Gas sind weitere wichtige Impulse, um den Wechsel zu beschleunigen. Für ein Technologieverbot und einen Zwangsumstieg aber gibt es keine stichhaltigen Gründe, gerade auch, weil im Gebäudebereich alles nach Plan läuft und viele Hausbesitzer von sich aus tätig werden.

Blickt man auf die wachsenden Schwierigkeiten auf dem europäischen Strommarkt, sollte sich der Kanton Zürich statt mit Verboten eher mit der Frage auseinandersetzen, wie es eigentlich um die Versorgungssicherheit bestellt ist, wenn die Zürcher Haushalte in einem langen und harten Winter ihre neuen Wärmepumpen auf Volllast laufen lassen, während nebenan der Tesla geladen wird.

Der Bund hat für so ein Szenario jedenfalls schon Pläne geschmiedet. Sie bedeuten für die CO2-Bilanz der Wärmepumpen nichts Gutes: Im schlimmsten Fall erhält die Schweiz einfach ein paar Gaskraftwerke.